Licht, Bildschirme und Melatonin

Dass Bildschirmlicht die Melatoninausschüttung dämpft, ist gut belegt. Dass Blaulichtfilter dagegen helfen, ist es nicht — was die beste verfügbare Übersichtsarbeit dazu sagt.

Dunkles Zimmer, nur vom kalten Licht eines Handydisplays erhellt

Was Licht im Körper auslöst

Licht ist der stärkste Taktgeber der inneren Uhr. Spezielle Sinneszellen in der Netzhaut melden Helligkeit direkt an die zentrale Uhr im Gehirn — ohne dass daran das Sehen beteiligt wäre. Bei Dunkelheit gibt der Körper Melatonin ab, bei Licht drosselt er die Ausschüttung.

Wie empfindlich dieses System ist, zeigt eine kontrollierte Studie: Gewöhnliches Raumlicht vor dem Zubettgehen verzögerte den Beginn der Melatoninausschüttung bei nahezu allen Teilnehmenden und verkürzte die Ausschüttungsdauer um rund 90 Minuten. Es braucht also keinen Flutlichtmast, um den Rhythmus zu verschieben — eine helle Wohnzimmerlampe genügt.

Der Bildschirm-Befund

Die bekannteste Untersuchung dazu verglich vierstündiges Abendlesen auf einem selbstleuchtenden E-Reader mit dem Lesen eines gedruckten Buchs. Beim Gerät sank der abendliche Melatoninspiegel um gut die Hälfte, beim Buch gar nicht. Zusätzlich brauchten die Teilnehmenden länger zum Einschlafen, waren abends weniger schläfrig, verschoben ihre innere Uhr nach hinten und waren am nächsten Morgen weniger wach.

So weit die klare Seite der Faktenlage. Interessant wird es bei der Frage, was man dagegen tun kann.

Blaulichtfilter: der unbequeme Befund

Aus „Bildschirmlicht unterdrückt Melatonin“ wurde in den letzten Jahren ein ganzer Markt: Filterbrillen, Displayfolien, Nachtmodus-Einstellungen. Die naheliegende Annahme lautet, dass man damit das Problem beseitigt. Überprüft man das, sieht es anders aus.

Was der Cochrane-Review zu Filterbrillen ergab

Eine Auswertung von 17 randomisierten Studien aus sechs Ländern kam zu dem Schluss, dass blaulichtfilternde Brillengläser wahrscheinlich keinen Unterschied bei Augenbelastung, Sehleistung oder Schlafqualität machen. Ein technischer Grund liegt nahe: Handelsübliche Gläser filtern typischerweise nur etwa 10 bis 25 Prozent des blauen Lichts heraus.

Schwach belegt Nutzen von Filterbrillen für den Schlaf

Auch für die Nachtmodus-Einstellungen am Smartphone sieht es nicht besser aus. In einer randomisierten Untersuchung mit 91 Studierenden hatte die automatische Aktivierung des Nachtmodus keinen erkennbaren Effekt auf den Schlaf. In einer zweiten Studie mit 167 jungen Erwachsenen — mit drei Gruppen: Handy mit Nachtmodus, Handy ohne, kein Handy — schnitt ausgerechnet die Gruppe ohne Nachtmodus etwas besser ab.

Eine Meta-Analyse zu Blaulicht-Reduktionsmaßnahmen insgesamt kam zu gemischten Ergebnissen: Bei der objektiv gemessenen Schlafeffizienz war der Effekt statistisch nicht abgesichert. Deutlichere Werte fanden sich nur bei selbst berichteter Schlafqualität und dort nur aus wenigen Studien — ein Muster, das typischerweise für Erwartungseffekte spricht.

Was stattdessen wirkt

Der Widerspruch löst sich auf, wenn man genauer hinsieht: Nicht der Blauanteil eines einzelnen Displays ist das Hauptproblem, sondern die Gesamthelligkeit am Abend — und bei Handys zusätzlich der Inhalt. Eine aufregende Serie, eine Diskussion in einem sozialen Netzwerk oder eine Arbeitsmail machen wach, ganz gleich welche Farbtemperatur eingestellt ist.

  • Morgens Licht tanken. Der wirksamste Hebel überhaupt. Draußen ist es selbst bei Bewölkung um ein Vielfaches heller als in jedem Wohnraum.
  • Abends die Raumhelligkeit senken. Kleine Lichtinseln statt Deckenlicht. Das wirkt auf die Melatoninausschüttung stärker als jeder Displayfilter.
  • Geräte früher weglegen statt umfärben. Die Dauer und der Zeitpunkt sind entscheidend, nicht die Einstellung.
  • Im Schlafzimmer dunkel machen. Auch schwaches Licht während der Nacht ist messbar nicht neutral.

Was hier belegt ist

Dass abendliches Licht Melatonin unterdrückt und die innere Uhr verschiebt, ist durch mehrere Studien verschiedener Arbeitsgruppen gesichert. Dass Filterprodukte diesen Effekt praktisch aufheben, ist es nicht.

Gut belegt Licht unterdrückt Melatonin   Schwach belegt Filterprodukte helfen

Häufige Fragen

Bringen Blaulichtfilter-Brillen etwas?

Nach der derzeit besten Übersichtsarbeit wahrscheinlich nicht. Ein Cochrane-Review von 2023 wertete 17 randomisierte Studien aus und kam zu dem Ergebnis, dass blaulichtfilternde Brillengläser vermutlich keinen Unterschied bei Augenbelastung, Sehleistung oder Schlafqualität machen. Handelsübliche Gläser filtern typischerweise nur etwa 10 bis 25 Prozent des blauen Lichts.

Und der Nachtmodus am Handy?

Auch dafür fehlt der Nachweis. In zwei randomisierten Untersuchungen an jungen Erwachsenen verbesserte der Night-Shift-Modus den Schlaf nicht — in einer Studie schnitt die Gruppe ohne Nachtmodus sogar etwas besser ab. Was hilft, ist nicht die Farbe des Displays, sondern das Gerät früher wegzulegen.

Warum wirkt Licht dann überhaupt?

Weil die Melatoninunterdrückung real ist — sie ist im Labor sauber gezeigt. Der Unterschied liegt in der Maßnahme: Die Gesamthelligkeit im Raum und die Nutzungsdauer sind entscheidend, nicht der Blauanteil eines einzelnen Bildschirms. Ein Filter ändert wenig, wenn das Gerät trotzdem zwei Stunden vor dem Gesicht leuchtet.

Was hilft dann wirklich?

Morgens viel Tageslicht, abends wenig Licht. Draußen sind selbst an einem bewölkten Tag Helligkeiten erreichbar, die Innenraumbeleuchtung um ein Vielfaches übertreffen — das ist der stärkste verfügbare Hebel auf die innere Uhr.

Quellen

Diese Seite stützt sich auf die folgenden Quellen. Zahlenangaben wurden am Stand der jeweiligen Veröffentlichung geprüft.

  1. Singh S et al.: Blue-light filtering spectacle lenses for visual performance, sleep, and macular health in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023, CD013244
    https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD013244.pub2/full
  2. Chang AM et al.: Evening use of light-emitting eReaders negatively affects sleep, circadian timing, and next-morning alertness. PNAS 2015;112(4):1232–1237
    https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1418490112
  3. Gooley JJ et al.: Exposure to Room Light before Bedtime Suppresses Melatonin Onset. J Clin Endocrinol Metab 2011;96(3):E463–E472
    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21193540/
  4. Shechter A et al.: Interventions to reduce short-wavelength („blue“) light exposure at night and their effects on sleep. Sleep Advances 2020;1(1):zpaa002
    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10127364/
  5. Phillips AJK et al.: High sensitivity and interindividual variability in the response of the human circadian system to evening light. PNAS 2019;116(24):12019–12024
    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6575863/

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