Schlafmittel: Was hilft, was schadet?

Von Baldrian bis zum verschreibungspflichtigen Präparat: Wie die Leitlinien die gängigen Mittel bewerten, wo sich Fachgesellschaften widersprechen und warum Medikamente nicht die erste Wahl sind.

Getrocknete Kräuter und Kräutertee auf einer Holzfläche

Der Rahmen: Medikamente sind nicht die erste Wahl

Bevor es um einzelne Präparate geht, gehört der wichtigste Satz an den Anfang: Bei anhaltender Insomnie sehen die Leitlinien nicht Medikamente als erste Behandlungsoption, sondern die kognitive Verhaltenstherapie. Für die Kurzzeitbehandlung sind beide vergleichbar wirksam — langfristig wirkt nur die Verhaltenstherapie.

Wichtiger Hinweis

Diese Seite ersetzt keine ärztliche Beratung und keine Packungsbeilage. Setze verschriebene Medikamente nicht eigenmächtig ab — bei Schlafmitteln kann das die Beschwerden vorübergehend deutlich verstärken. Besprich Änderungen mit der Ärztin oder dem Arzt, die das Präparat verordnet haben.

Verschreibungspflichtige Schlafmittel

Benzodiazepine und die verwandten Z-Substanzen wirken zuverlässig — das ist unbestritten. Die Leitlinie bezeichnet sie für die Kurzzeitbehandlung von bis zu vier Wochen als wirksam und rät zugleich in der stärksten Empfehlungsform von einer Langzeitbehandlung ab.

Die genannten Nebenwirkungen umfassen die Entwicklung von Toleranz und Abhängigkeit, nächtliche Verwirrtheit und Stürze, Beeinträchtigungen der geistigen Leistungsfähigkeit, Nachwirkungen am nächsten Morgen mit Auswirkung auf die Fahrtüchtigkeit sowie eine verstärkte Schlaflosigkeit nach dem Absetzen.

Dieser letzte Punkt erklärt, warum das Absetzen so schwerfällt: Die Nächte nach dem Absetzen sind oft schlechter als vor der ersten Tablette — was leicht als Beleg dafür missverstanden wird, dass man das Medikament braucht. Ein Absetzversuch sollte deshalb ärztlich begleitet werden und nie abrupt erfolgen.

Melatonin

Melatonin ist kein Beruhigungsmittel, sondern ein Zeitsignal: Der Körper bildet es bei Dunkelheit, und es teilt den Organen mit, dass Nacht ist. Daraus folgt, wo es sinnvoll ist und wo nicht.

Zulassung in Deutschland: Ein Präparat mit verzögerter Freisetzung ist zugelassen „als Monotherapie für die kurzzeitige Behandlung der primären, durch schlechte Schlafqualität gekennzeichneten Insomnie bei Patienten ab 55 Jahren“. Die empfohlene Dosierung beträgt 2 mg einmal täglich, ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen, für bis zu 13 Wochen.

Hier widersprechen sich die Fachgesellschaften

Die deutsche Leitlinie hält Melatonin bei Menschen ab 55 Jahren für wirksam. Die amerikanische Fachgesellschaft rät von Melatonin bei Ein- und Durchschlafstörungen generell ab. Die europäische Leitlinie unterscheidet nach Darreichungsform: retardiertes Melatonin bis zu drei Monaten bei Personen ab 55 möglich, schnell freisetzendes Melatonin nicht empfohlen. Die Empfehlungen beziehen sich also auf unterschiedliche Präparate und Altersgruppen.

Teilweise belegt retardiertes Melatonin ab 55   Schwach belegt Melatonin allgemein

Die Autoren der deutschen Leitlinie äußern sich zudem kritisch zu melatoninhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln und sehen die Produktion und den Verkauf melatoninhaltiger Gummibärchen ausdrücklich sehr kritisch. Beim Bezug empfehlen sie Apotheken gegenüber anderen Quellen.

Baldrian und pflanzliche Mittel

Bei kaum einem Mittel klaffen Bekanntheit und Beleglage so weit auseinander. Die deutsche Leitlinie formuliert es knapp: Eine Behandlung der Insomnie mit pflanzlichen Mitteln sollte nicht empfohlen werden. Meta-Analysen zeigen eine allenfalls geringe Überlegenheit von Baldrian gegenüber Placebo, bei insgesamt niedriger Qualität der zugrunde liegenden Studien.

Zum selben Ergebnis kommen die europäische Leitlinie, die amerikanische Fachgesellschaft, das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und das US-amerikanische Zentrum für komplementäre Gesundheitsansätze — fünf Quellen aus verschiedenen Institutionen mit demselben Befund.

Zwei Dinge sprechen dennoch nicht gegen einen Versuch: Nebenwirkungen treten bei Baldrian kaum auf, und für kurzfristige Anwendung gilt es bei den meisten Erwachsenen als sicher. Wer damit gut zurechtkommt, muss nichts ändern — nur sollte niemand erwarten, damit eine ernsthafte Schlafstörung zu behandeln.

Rezeptfreie Mittel aus der Apotheke

Sedierende Antihistaminika mit den Wirkstoffen Doxylamin oder Diphenhydramin sind frei verkäuflich und werden häufig als harmlose Einstiegslösung wahrgenommen. Die Leitlinie bewertet sie klar: Eine Behandlung der Insomnie mit sedierenden Antihistaminika soll nicht empfohlen werden. Als Begründung wird angeführt, dass keine hochwertigen randomisierten Studien vorliegen, die Wirksamkeit allenfalls geringgradig ist und sich rasch eine Gewöhnung entwickelt.

Typische Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und Mundtrockenheit. Auch hier bestätigen die europäische und die amerikanische Fachgesellschaft sowie das IQWiG die Einschätzung.

Die Übersicht

Bewertung gängiger Mittel in der deutschen S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ (Update 2025).
MittelBewertungAnmerkung
Benzodiazepine und Z-Substanzenkurzfristig wirksam, Langzeitanwendung nicht empfohlenbelegter Zeitraum höchstens vier Wochen; Toleranz- und Abhängigkeitsrisiko
Sedierende Antidepressiva (z. B. Doxepin, Trazodon)wirksam, aber außerhalb der Zulassungkeine Zulassung für Insomnie ohne begleitende Depression; Langzeitanwendung nicht empfohlen
Melatonin (retardiert)wirksam ab 55 JahrenKurzzeitanwendung; Langzeitanwendung nicht empfohlen
Sedierende Antihistaminika (Doxylamin, Diphenhydramin)nicht empfohlenStudienlage unzureichend, rasche Gewöhnung
Pflanzliche Mittel (z. B. Baldrian)nicht empfohlenallenfalls geringe Überlegenheit gegenüber Placebo
Antipsychotikanicht empfohlenbei Insomnie ohne psychiatrische Begleiterkrankung
Orexin-Rezeptor-AntagonistenwirksamLangzeitanwendung über ein Jahr hinaus nicht empfohlen
Homöopathie, Akupunktur, Aromatherapienicht empfohlen

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Häufige Fragen

Wirkt Baldrian?

Nach der aktuellen Studienlage allenfalls minimal. Die deutsche Behandlungsleitlinie empfiehlt pflanzliche Mittel bei Insomnie nicht; Meta-Analysen zeigen eine allenfalls geringe Überlegenheit gegenüber Placebo bei niedriger Studienqualität. Insgesamt kommen fünf Quellen aus verschiedenen Institutionen zu diesem Schluss. Immerhin: Nennenswerte Nebenwirkungen treten kaum auf.

Was ist mit Melatonin?

Hier muss man genau unterscheiden. In Deutschland ist ein retardiertes Melatoninpräparat als Arzneimittel zugelassen — für die kurzzeitige Behandlung bei Menschen ab 55 Jahren. Die deutsche Leitlinie sieht es für diese Gruppe als wirksam an, rät aber von einer Langzeitanwendung ab. Die amerikanische Fachgesellschaft rät generell davon ab. Melatonin wirkt vor allem auf den Rhythmus, es ist kein klassisches Schlafmittel.

Sind rezeptfreie Schlafmittel aus der Apotheke harmlos?

Rezeptfrei heißt nicht wirkungslos und auch nicht nebenwirkungsfrei. Für sedierende Antihistaminika wie Doxylamin und Diphenhydramin gilt: Die deutsche Leitlinie empfiehlt sie bei Insomnie nicht, die Studienlage ist unzureichend, und es entwickelt sich rasch eine Gewöhnung. Typische Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen und Mundtrockenheit.

Wie lange darf man verschreibungspflichtige Schlafmittel nehmen?

Die Leitlinien nennen für Benzodiazepine und die sogenannten Z-Substanzen einen belegten Wirksamkeitszeitraum von höchstens vier Wochen und raten ausdrücklich von einer Langzeitbehandlung ab. Der Grund ist die Entwicklung von Toleranz und Abhängigkeit — Patienteninformationen weisen darauf hin, dass eine Gewöhnung bereits nach etwa zwei Wochen einsetzen kann.

Quellen

Diese Seite stützt sich auf die folgenden Quellen. Zahlenangaben wurden am Stand der jeweiligen Veröffentlichung geprüft.

  1. Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin: S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“, Update 2025, AWMF-Registernummer 063-003
    https://register.awmf.org/assets/guidelines/063-003l_S3_Insomnie-bei-Erwachsenen_2025-04.pdf
  2. Riemann D et al.: The European Insomnia Guideline: An update. J Sleep Res 2023;32:e14035
    https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/jsr.14035
  3. Sateia MJ et al.: Clinical Practice Guideline for the Pharmacologic Treatment of Chronic Insomnia in Adults. AASM, J Clin Sleep Med 2017;13(2):307–349
    https://jcsm.aasm.org/doi/10.5664/jcsm.6470
  4. IQWiG / gesundheitsinformation.de: Schlafstörungen – Behandlung mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln, 2024
    https://www.gesundheitsinformation.de/schlafstoerung-behandlung-mit-schlaf-und-beruhigungsmitteln.html
  5. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Circadin – Produktinformation
    https://www.ema.europa.eu/de/documents/product-information/circadin-epar-product-information_de.pdf
  6. National Center for Complementary and Integrative Health (NIH): Valerian, 2025
    https://www.nccih.nih.gov/health/valerian

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